Bei einem Hohepriester auf Bali: Wie wir paradiesisch leben

   

Ich bin zu Besuch bei einem balinesischen Hohepriester, bei Pedanda Ida Resi. Ich möchte wissen, was der Hohepriester über das Paradies, im Indonesischen „Surga“ genannt, denkt. Was sind seine Erfahrungen? Decken sich seine Aussagen mit meinen Erfahrungen und Forschungen oder sieht er alles aus einem ganz anderen Blickwinkel? Und natürlich interessiert mich auch, was seine Aufgaben, die Aufgaben eines Hohepriesters sind. Wie wurde er Hohepriester? Aber vor allem interessiert mich sein Wesen, seine Ausstrahlung. Verfügt er über ein besonderes Charisma? Auf Bali werden alle bedeutenden Zeremonien von einem Hohepriester, Pedanda genannt, abgehalten. Hohepriester nehmen nicht an weltlichen Verrichtungen teil. Sie stehen einem Heiligen gleich. Ihr Leben ist ausschließlich der Meditation, dem Studium der Theologie und der Rituale gewidmet. Während der religiösen Zeremonien werden sie durch Rituale, stumme Gebete, durch Glöckchengeläut und beschwörende Bewegungen der Hände eins mit Gott. Normalerweise entstammen Hohepriester Brahmanenfamilien, der höchsten Kaste. Ida Resi ist eine Ausnahme. Sein Vater war Bauer. Durch seine außerordentlichen Fähigkeiten wurde er in die Brahmanenkaste erhoben und durfte Hohepriester werden. 

Offiziell gibt es jedoch auf Bali kein Kastensystem mehr. In der Regel lernen Hohepriester schon von frühester Kindheit Sanskrit, befassen sich mit überlieferten religiösen Texten, philosophischen Schriften, uralten Weisheitsbüchern und geheimen Lehren. Wenn sie durch umfangreiche Zeremonien zum Hohepriester geweiht sind, leben sie in vollkommener Hingabe an das Göttliche. Sie werden bei allen wichtigen Entscheidungen zu Rate gezogen. Sie sprechen Sanskrit, die heilige Sprache der Hindus. Denn alle wichtigen religiösen Schriften, wie die Veden, sind in Sanskrit verfasst. Die Priester sind bei Zeremonien immer in weiß gekleidet. Meist sitzen sie erhöht in einem der offenen Bereiche des Tempels. Ich bin sehr gespannt. Der Assistent vom Hohepriester holt mich und meinen Mann mit dem Auto ab. Wir fahren nach Kedurang Madenan. Wir müssen uns dem Anlass entsprechend kleiden. Ich habe mir extra eine weiße Kebaya, eine spezielle Bluse, aus Spitze, gekauft, die die Balinesinnen meist im Tempel und zu den Zeremonien tragen. Auch einen Sarong habe ich mir um die Hüften gewickelt und einen Schal, Senteng genant. Mein Mann trägt einem Sarong /in weißer Farbe mit silberner Applikatur. Auf dem Kopf trägt er einen weißen Udeng, die für balinesische Männer typische Kopfbedeckung, wenn sie einen Tempel besuchen. Wir bringen Opfergaben mit, die Sri, für uns organisiert hat. Sri ist Balinesin, in Österreich aufgewachsen. Sie übersetzt unser Gespräch. Nach einer kurzen respektvollen Begrüßung singt der Hohpriester ein Mantra mit sonorer tiefer Stimme, dessen Worte ich nicht verstehe. Wir schließen die Augen und lauschen. Da Sri, der Übersetzerin aus Respekt vor dem Hohepriester keine Unterbrechungen angemessen erscheinen, hat sie seine Antworten nicht immer wortwörtlich übersetzt.Once they have become ordained as high priests by way of extensive ceremonies, they live in perfect surrender to the divine. They are consulted on all important decisions. They speak Sanskrit, the sacred language of the Hindus, because all important religious texts (such as the Vedas) are written in Sanskrit. The priests are always clothed in white for the ceremonies. In most cases, they sit in an elevated position within an open area of the temple. I am very excited. The high priest's assistant picks up my husband and I by car. We drive to Kedurang Madenan.

Barbara: Wie wurden Sie Hohepriester? War es ein Ruf? 
Pedanda Ida Resi: Meine Großmutter war auch Hohepriesterin. Ich habe diese Fähigkeiten von ihr geerbt. Ich wollte nie Hohepriester werden. Ich hätte lieber als Lehrer gearbeitet und Schüler unterrichtet. Aber Gott hatte etwas anderes mit mir vor. Ich habe schon als Kind, als ich 5 Jahre alt, ein weißes Wesen gesehen. Anfangs war ich erschrocken, weil ich der Einzige war der es sah. Niemand anders registrierte es. Später als ich älter wurde, forderte es mich auf Hohepriester zu werden. Ich weigerte mich, meditierte, betete, bat um Hilfe. Ich hoffte inständig, dass ich kein Hohepriester werden musste. Das lichte Wesen, diese Erscheinung suchte mich aber weiterhin auf. Irgendwann willigte ich ein und akzeptierte meine Aufgabe. Heute kann ich mir nichts anderes mehr vorstellen, obwohl ich als Hohepriester viel Verantwortung trage und diese Aufgabe all meiner Zeit, Energie und Hingabe bedarf.

Barbara: Wie wurden Sie auf diese Aufgabe vorbereitet?
Pedanda Ida Resi: Ich musste wie jeder Hohepriester auch, Sanskrit lernen, um die heiligen Schriften, die alle in Sanskrit verfasst sind, zu verstehen und zu lernen. Ich wurde von anderen Hohepriestern unterrichtet und in die Aufgaben eines Hohepriesters eingeweiht. Erst als ich wirklich reif dazu war, alle Prüfungen bestanden hatte, wurde ich Hohepriester.

Barbara: Anders als im katholischen Glauben ist es Priestern und Hohepriestern auf Bali erlaubt zu heiraten und Kinder zu bekommen. Auch der Hohepriester ist verheiratet, hat drei Kinder, einen Jungen und zwei Mädchen. Wie geht Ihre Familie mit Ihrer Aufgabe als Hohepriester um, damit keinen „normalen“ Balinesen zum Mann und zum Vater zu haben?
Pedanda Ida Resi: Anfangs war es sehr schwer für meine Frau, dass sie mich nie für sich allein hatte. Ich bin keine private Person. Wir haben keine Privatsphäre. Ich diene rund um die Uhr Gott. Mein ganzes Leben ist dem gewidmet. Unser Haus ist jederzeit offen, für jeden der Hilfe braucht. Als Hohepriester bin ich nun einmal nicht allein für meine Familie da, sondern für alle und immer im Dienst. Mit der Zeit hat meine Frau gelernt, gut mit dieser nicht ganz einfachen Situation umzugehen. Dass die Familie meine Aufgabe akzeptiert und unterstützt, dafür bin ich sehr dankbar.

Barbara: Was sind denn eigentlich Ihre Aufgaben, die Aufgaben eines Hohepriesters?
Pedanda Ida Resi: Bei einer Verbrennungszeremonie, bin ich z.B. verantwortlich dafür, dass die Verstorbenen ihren Platz im Himmel finden und in Frieden ruhen. Jedes Detail, bei den Opfergaben angefangen bis zu den Anrufungen muss stimmen. Ich werde nur zu bestimmten Aufgaben gerufen, nehme an großen Tempelfesten und komplizierten Riten teil, die ein besonderes Wissen erfordern. Ich gucke nie wie andere Fern, habe ein ganz anderes Leben. Neben meiner normalen Aufgabe als Hohepriester, bekomme ich Anweisungen von diesem weißen Wesen, das mir sagt, was ich tun soll. Manchmal bekomme ich den Hinweis einem bestimmten Menschen helfen zu müssen. Dann suche ich ihn auf. Manchmal soll ich aber auch nur für jemanden der Hilfe braucht beten oder eine Zeremonie abhalten. Ich kann auch keiner Freizeitbeschäftigung nachgehen oder einmal nichts tun. Mein ganzes Leben, alles ist auf Gott, darauf dem Höchsten zu dienen ausgerichtet. Ich möchte nicht als Hohepriester von den Menschen verehrt werden, sondern ihnen helfen. Ich bin dazu da, sie zu begleiten, sie zu unterstützen sich von ihrem Leiden zu befreien. Mich macht glücklich, wenn ich anderen helfen kann. Egal was ein Mensch getan hat, egal wie weit er vom Weg abgekommen ist, ich versuche ihm zu helfen. Ich bin für jeden da. Zu helfen, das macht mich glücklich.

 


Barbara: Vermissen Sie nicht manchmal ein normales Leben?
Pedanda Ida Resi: Nein, ich vermisse nichts. Ich bin total glücklich mit meinem Leben. Ich habe noch nie etwas vermisst.
Barbara: Wovon leben Hohepriester eigentlich?
Pedanda Ida Resi: Geld darf keine Rolle im Leben eines Hohenpriesters spielen. Wir leben wir von Spenden.

Barbara: Was ist der Unterschied zwischen einem Hohepriester und normalen Priester?
Pedanda Ida Resi: Jeder Priester und jeder Hohepriester, weiß genau um seine Aufgaben. Es gibt die Pedandas, die Hohepriester und die Pemangku, die normalen Tempelpriester. Alle bedeutenden Zeremonien werden vom Pedanda abgehalten. Normale Tempelpriester nehmen Opfergaben in Empfang, führen die Aufsicht bei Tempelfesten, teilen das heilige Wasser aus und leiten große Prozessionen.

Barbara: Wie können wir Menschen uns wieder paradiesisch fühlen, Surga in indonesisch genannt, erfahren?
Pedanda Ida Resi: Das Paradies ist für alle da. Das Paradies befindet sich im Inneren eines jedes Menschen. Meine Aufgabe ist es ianderen das zu eröffnen, ihnen den Himmel nahe zu bringen. Ob wir Surga, das Paradies fühlen, hängt von uns, von jedem Menschen selbst ab. Wer viel Liebe in sich trägt, mit sich selbst im Reinen ist, kann das Paradies in sich erfahren. Der Himmel ist in uns. Wenn wir uns ihm öffnen, dann können wir ihn fühlen.

Barbara: Viele Menschen haben einen stressigen Alltag. Was kann ihnen helfen im Alltag in mitten all der Herausforderungen Ruhe im Inneren zu finden?
Pedanda Ida Resi: Viele Menschen besonders aus der westlichen Welt sind so beschäftigt und so sehr im Kopf, in ihren Gedanken gefangen, dass sie keine Muße dafür mitbringen und sehr, sehr verschlossen sind. Zunächst ist es wichtig, unseren Lebensplan anzunehmen. Wir haben alle eine Aufgabe, die wir erledigen müssen. Bei mir ist es, Hohepriester zu sein. Jeder hat einen Plan mitbekommen, einen, wie er sein Leben führen soll, eine Art Aufgabe. Besonders wichtig ist es zu lieben, liebevoll mit anderen Menschen und sich selbst umzugehen, unseren Partner zu lieben und zu schätzen. Wichtig ist auch nicht in Gefühle wie Neid, Gier zu verfallen, uns zu rächen oder anderen schlechtes zu wünschen. Mitgefühl, ein gutes Herz, Ehrlichkeit mit uns selbst und anderen, sind ein Schlüssel zum Himmel. Im Umgang mit Geld ist es wichtig keine Angst zu haben, es zu verlieren, nicht am Geld festzuhalten, sondern zu vertrauen vom Göttlichen geführt und versorgt zu sein. Anderen Menschen zu helfen, wenn sie in Not sind, bringt uns auch Surga, dem Paradies näher. Gutes tun für andere, macht uns glücklich. Letztendlich gibt es für das Wort Paradies Surga, für diese Erfahrung keine Worte. Jeder muss es selbst erfahren. Es ist in uns, wir müssen uns nur öffnen. Manchmal spaziere ich im Wald. Ich spüre auch in der Natur das Göttliche. Es ist überall, sichtbar für jeden, der dafür offen ist.

Barbara: Welche Rolle spielt der Glaube an eine bestimmte Religion dabei?
Pedanda Ida Resi: Es gibt Leute, die religiös sind, in den Tempel, zu den Zeremonien kommen, aber nicht wirklich mit dem Herzen dabei, missgünstig sind und unehrlich. Ich sehe genau, mit welchen Gefühlen Menschen in den Tempel kommen. Manche Menschen, die an nichts glauben, auch keiner Religion angehören, sind dem Paradies näher, weil sie ein offenes Herz haben und Gutes tun. Es kommt viel mehr auf die Reinheit, die Liebe, das Gute im Menschen an, als der Glaube an eine bestimmte Religion. Surga, das Paradies, kann jeder erfahren, egal ob er Christ, Moslem, Jude, Hindu, Buddhist ist oder gar keiner Religion angehört.

Barbara: Welche Übungen, Gebete oder Hinweise können den Menschen helfen, das Paradies in sich zu fühlen?
Pedanda Ida Resi: Das Gayatri Mantra zu singen oder zu rezitieren ist eine große Hilfe, um mit dem inneren Paradies in Verbindung zu treten. Es wirkt, egal ob man Hinduist, Christ, Moslem oder Nichtgläubig ist. Man muss kein Hinduist sein. Jeder kann es morgens oder abends vor dem Schlafen gehen, singen oder rezitieren oder wenn er auf dem Motorrad sitzt, um beschützt zu sein. Es ist hilfreich bei jeder Art von Problem. Es wirkt, egal ob jemand daran glaubt.

Das Gayatri-Mantra ist ein universelles Gebet, das in den Veden, den ältesten heiligen Schriften der Menschheit, niedergelegt wurde. (Rg Veda III 62.10). Es gilt als die Essenz der vedischen Lehren genannt Veda sara und wird auch als ‚Mutter der Veden‘ bezeichnet. Es heißt: Om bhūrbhuva sva tatsaviturvarenyam bhargo devasya dhīmahi dhiyo yo na pracodayāt. (Für Ungeübte gibt es CDs zum Mitsingen, auch von westlichen Sängern und Nicht- Hindus gesungen.

Barbara: Hohepriester werden auf Bali Gottgleich angesehen. Wie empfinden Sie sich selbst?
Pedanda Ida Resi: Der Hohepriester ist Gott gleichgestellt, muss sich aber auch dem entsprechend verhalten. In jedem Menschen lebt Gott, sonst würden wir nicht atmen, nicht leben. Gott ist in allen Menschen. Nur viele Menschen sind nicht bereit dazu, es zu erkennen. Wenn wir uns gut verhalten, ehrlich sind, dann kommt Gutes zu uns zurück. Wir kommen Gott näher. In jedem Körper, in jedem Menschen lebt Gott. Gott lebt in allem und jedem.

Zum Abschluss singt er wieder ein Mantra. Ich bedanke mich: „ Terim makasih“. Er antwortet: „Sama, Sama.“ Gerne. Ich fühle eine sehr tiefe innere Stille. Der Hohepriester ist ruhig und unspektakulär. Doch gerade diese einfache, schlichte Art in sich zu ruhen, überzeugt mich und der tiefe Frieden, der ihn umgibt.