Arun Gandhi - Mahathma Gandhis Enkel

Was Arun Gandhi von seinem Großvater Mahathma Gandhi über Frieden und Courage lernte

Das war mal wieder einer der vielen Zufälle auf Bali. Als ich an meinem neuesten Buch schrieb und über Gandhis Botschaft des Frieden, ahnte ich noch nicht, dass ich kurze Zeit später mit Arun Gandhi, dem Enkel von Mahathma Gandhi sprechen würde, der zwei Jahre bei ihm lebte.....

Arun Gandhi: Jeder von uns kann die Welt zu einem besseren Ort machen!

Arun Gandhi, der Enkel Mahatma Gandhis, geboren 1934 in Durban, Südafrika, verbreitet weltweit die Lehren und Botschaften seines Großvaters. Arun Gandhi nahm an den „Renaissance Weekend Deliberations“ mit Bill Clinton teil und war als sein Berater tätig. Er sprach vor den Vereinten Nationen und im schottischen Parlament. Gandhi arbeitete dreißig Jahre lang als Journalist für die „The Times of India“ und ist Bestseller Autor verschiedener Bücher und war auch Korrespondent der Washington Post. Arun und seine Ehefrau Sunanda Gandhi haben verschiedene Projekte ins Leben gerufen, die mit zu einem sozialen und ökonomischen Aufschwung von Unterdrückten – dem Kern von Gandhis Philosophie der Gewaltlosigkeit – beitragen sollen. Diese Programme haben bereits das Leben von mehr als einer halben Million Menschen in über 300 Dörfern verändert.


 

Barbara: Arun Gandhi, der Titel Ihres neuen Buches „Wut ist ein Geschenk“ klingt überraschend im Angesicht Mahatma Gandhis Botschaft der Gewaltlosigkeit. Wie kann uns Wut dienen?
Arun Gandhi: In unserer Gewaltkultur wurde uns ein angemessener Umgang mit Wut nicht gelehrt. Wut ist eine mächtige, gute Emotion. Mein Großvater sagte: „Wut ist wie Elektrizität, aber nur, wenn wir sie mit Intelligenz nutzen.“ Wir müssen lernen, die Energie der Wut positiv, zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Leider sind wir in Bezug auf Wut ungebildet. Gewaltlosigkeit bedeutet zum Beispiel, einen Konflikt zu erkennen, bevor er zu einer Krise führt. Heutzutage haben wir keine Zeit, unsere Situationen und unser Verhalten zu reflektieren, da wir so sehr mit unserer Arbeit beschäftigt sind und immer mehr und mehr wollen. Wir beachten Konflikte in unserer Gesellschaft nicht, bis sie uns ins Gesicht springen. In dem Moment in dem sie eskalieren, ist es fast zu spät. Wenn wir die Gefahr einer Situation erkennen und etwas unternehmen, bevor sie sehr ernst wird, können wir größere Krisen verhindern. Ich hoffe, die Botschaften meines neuen Buches, die ich von meinem Großvater und meinen Eltern gelernt habe, werden das Leben der Menschen genauso verändern, wie es meines veränderte hat. Ich hoffe, dass die Leser diese Weisheiten verstehen und versuchen ihr Leben zu wandeln, damit wir alle gemeinsam in Frieden und Harmonie leben können.

Barbara: Manche Menschen können sich aber nicht von Ihrer Wut distanzieren, sie stoppen. Was kann ihnen helfen?
Arun Gandhi: Unsere Gefängnisse sind voll mit jungen Menschen, die in einem Moment des Wahnsinns handelten. Hätte man ihnen beigebracht, wie sie Wut auf intelligente Art und Weise nutzen können, wäre unsere Situation eine andere. Die Harvard University hat eine Studie herausgebracht, die zeigt, dass mehr als 80% der Gewalt, die wir in unserem Leben oder im Leben unserer Nationen erleben, durch Wut erzeugt wird. Wenn wir also lernen, unsere Wut zu kontrollieren, könnten wir Gewalttaten um bis zu 80% reduzieren. Der effektivste Weg, Konflikte zu lösen, ist mit Liebe, Frieden, Respekt und gegenseitigem Verständnis. Gewalt führt dazu, dass wir uns bekriegen, uns nicht darauf konzentrieren, das Problem wirklich zu lösen.

Barbara: Viele Menschen streiten mit ihrem Partner, ihrem Chef, ihren Eltern, Nachbarn und Freunden. Wie können wir fried- und liebevoller miteinander umgehen?
Arun Gandhi: Unser materialistischer Lebensstil hat eine ganze Kultur der Gewalt kreiert, die sich durch jeden Bereich unseres Lebens zieht. Wenn wir erkennen, wie oft wir passiv Gewalt ausüben, wird verständlich, warum unsere Gesellschaft und unsere Welt von so viel physischer Gewalt geprägt ist. Unsere Sprache ist gewaltsam, unsere Beziehungen sind gewaltsam, unsere Unterhaltung ist gewaltsam, unser Sport ist gewaltsam, fast alles ist gewaltsam. In dieser Gewaltkultur versuchen wir Menschen durch Angst zu kontrollieren. Wir praktizieren Gewalt zuhause als Eltern mit unseren Kindern, wenn wir ihnen mit Bestrafung drohen, wenn wir sie durch Angst zu kontrollieren versuchen. Der ideale Weg ist, Menschen durch Liebe und Respekt zu lehren.

Barbara: Ihr Großvater reagierte auf Hass und Wut mit Mitgefühl und Liebe. Friedvoll stoppte er die britische Kolonialmacht in Indien. Wie gelang es ihm, immer mit Liebe zu antworten?
Arun Gandhi: Er wurde drei oder vier Mal zusammengeschlagen. Jedes Mal nahm die Polizei die Verantwortlichen fest. Gandhi sagte der Polizei: „Ich möchte, dass sie lernen, dass das, was sie mit mir gemacht haben, falsch war. Ich möchte, dass sie sich verändern. Durch Bestrafung wird sich nichts ändern. Ich möchte gerne mit ihnen sprechen.“ Mein Großvater wollte nicht, dass diese Menschen bestraft werden. Nachdem er sie traf, hatten sie begriffen, dass das, was sie taten, falsch war. Gandhis Weg war Probleme mit Liebe, Mitgefühl und Respekt zu lösen. Er betonte auch immer: „Die Briten sind nicht unsere Feinde. Sie sind unsere Freunde. Wir zeigen ihnen nur den richtigen Pfad.“ Sein Fokus lag immer darauf, Probleme zu lösen, indem beide Seiten zusammenkommen. Das ist viel effektiver als zu kämpfen.

Barbara: Sie lebten zwei Jahre lang mit Ihrem Großvater. Was berührte Sie am meisten im Kontakt mit ihm?
Arun Gandhi: Ja, ich lebte zwei Jahre lang mit ihm. Während dieser Periode lehrte er mich viele wichtige Dinge. Er hatte eine sehr spezielle Art zu lehren. Nicht wie ein Schullehrer, der mich hinsetzen ließ und sagte: „Das ist eine Lektion und du musst dieses oder jenes lernen.“ Etwas, das während des Tages passierte, verwandelte er in eine Lektion für mich. Diese Lektionen sind in meinem Geist und meinem Herzen. Als ich größer wurde begann ich über sie nachzudenken. Ich begriff, wie wichtig seine Botschaften waren und fing an meine Einstellung und mein Leben zu verändern. Ich will nicht behaupten, dass ich mit zehn oder elf Jahren so klug war, seine Philosophie zu verstehen. Dies passierte erst im Laufe der Jahre, als ich aufwuchs und reifte. Ich dachte nach und lernte.

Barbara: Sie lernten mehr durch sein Beispiel und sein Verhalten?
Arun Gandhi: Genau. Das ist eines der Dinge, die er immer sagte: „Wir müssen das leben, was wir von anderen erwarten.“ Wenn wir etwas sagen, aber etwas anderes tun, sind wir nicht glaubwürdig. Niemand wird etwas von uns etwas lernen, außer wenn wir selbst das tun, was wir lehren.  

Barbara: Einer der wichtigsten oder bekanntesten Sätze Ihres Großvaters ist: „Sei der Wandel, den du in der Welt sehen willst.“ Das bedeutet: Wenn wir unglücklich über die Situation und die Kriege in der Welt sind und uns mehr Frieden wünschen, sollten wir uns in unserem Alltag friedlicher verhalten.
Arun Gandhi: Ja. Jeder will Frieden. Aber wenn man fragt: „Was verstehst du unter Frieden, hat keiner eine Antwort! Oftmals war die einzige Antwort: „Wenn wir nicht im Krieg sind, haben wir Frieden.“ Und ich sagte: „Nein, das ist nicht richtig!“ In unserer Gesellschaft üben wir trotzdem Tag täglich auf Gewalt aus. Wann immer wir jemanden ausnutzen, jemanden diskriminieren oder belästigen, ist das Gewalt. Vielleicht streiten wir nicht und greifen jemanden physische an, aber es ist Gewalt, wenn wir jemanden emotional oder auf andere Weise verletzen. Ich meine diese Art von Gewalt, die uns nicht bewusst ist. Wir denken, wir sind im Frieden, nur weil wir niemanden bekämpfen, sind es aber ganz und gar nicht.

Barbara: Was bedeutet also Ihrer Meinung nach Frieden?
Arun Gandhi: Friede ist, wenn wir bessere Beziehungen leben, wenn wir nicht auf Menschen herabsehen, weil sie schwarz, weiß oder braun, Muslime, Christen, Buddhisten oder was auch immer sind. Wir haben so viele Mauern errichtet, religiöse, rassistische und soziale. Wir müssen lernen, uns gegenseitig zu respektieren, uns respektvoll zu behandeln. So können wir für Harmonie in der Welt sorgen. Und diese Harmonie ist die Basis für Frieden.

Barbara: Meiner Erfahrung ist das Wichtigste, Frieden in uns selbst zu finden. Denn dann gehen wir auch friedvoll mit anderen Menschen um. Für mich beginnt Friede in uns, bevor er nach außen in unsere Beziehung und in die Welt geht.
Arun Gandhi: Ja. Wir können uns nicht für Frieden einsetzen, wenn wir ihn nicht in uns fühlen. Es ist sehr wichtig, dass wir Frieden in uns selbst finden. Dann können wir ihn an andere weitergeben, anderen helfen Frieden zu finden.

Barbara: Bei ihrem Großvater Mahatma Gandhi berührt mich besonders die Tatsache, dass er, eine einzelne Person, die Welt und das Leben anderer Leute verändern konnte. Er verfügte über enorme Kraft, seinem Wunsch nach Frieden zu folgen.
Arun Gandhi: Eine Person mit Engagement und Verständnis kann einen riesigen Unterschied machen. Daran müssen wir uns immer erinnern. Seit dem Tod meines Großvaters sind nun sechzig Jahre vergangen, aber wir reden noch immer über ihn und seine Philosophie. Vielleicht bewegen wir nicht so viel, wie mein Großvater oder andere großartige Persönlichkeiten, denen Millionen von Menschen folgten. Aber wir können mit Sicherheit einen Unterschied in unseren Freundschaften, unseren Nachbarschaften, unseren Städten und unseren Ländern machen. Alles was wir tun, auch kleine Veränderungen, können zu großen Veränderungen werden.

Barbara: War sich Ihr Großvater anfangs wirklich bewusst, dass ihm so viele Menschen folgen würden und dies die Befreiung von der britischen Kolonialmacht bedingen würde?
Arun Gandhi: Nein, er wusste davon gar nichts. Er wusste nicht einmal, ob ihm überhaupt irgendjemand folgen würde! Als er in Südafrika diese Demütigungen erlitt und Gerechtigkeit wollte, sagte er: „Ich kann diese Menschen nicht bekämpfen, aber ich will dennoch Gerechtigkeit. Der einzige Weg das zu erreichen, ist durch gewaltlose Handlungen.“ Dann entwickelte sich alles Schritt für Schritt. Sein Erfolg inspirierte Menschen, sich ihm anzuschließen. Wie man am beispiel meines Großvaters sieht, kann eine einzelnen Person viel erreichen.

Barbara: Eine Woche bevor ihr Großvater ermordet wurde, fragte ihn ein Journalist, was nach seinem Tod mit seiner Botschaft geschehen würde. Er antwortete, dass sie ihn in Ehren halten, aber seine Botschaft nicht als ihre eigene annehmen würden. Unglücklicherweise behielt ihr Großvater recht. Brauchen wir in dieser kritischen globalen politischen Situation die Botschaft Ihres Großvaters mehr denn je? Was können wir tun, was würde Ihr Großvater tun?
Arun Gandhi: Er wäre sehr unglücklich darüber, dass die Gewalt in der Welt zunimmt. Er hätte hart daran gearbeitet, einen Verädnerung in der Welt zu bewirken. Wir müssen uns bewusst werden, dass ein Großteil der Gewalt und des Unglücks, das wir heute erleben, auf Ungleichheiten basieren. Wenn wir wirklich Frieden wollen, ist es wichtig, dass die reichen Nationen verstehen, dass sie eine Verantwortung dafür haben, den armen Nationen dabei zu helfen, einen besseren Lebensstandard zu erreichen. Das bedeutet nicht nur ihren Reichtum, sondern auch ihr Wissen mit ihnen zu teilen. Wir sind sehr selbstsüchtig und denken nur an uns und unser eigenes Land. Uns interessiert nicht wirklich, was in anderen Teilen der Welt passiert. Wir sind alle miteinander verbunden. Was in einem Teil der Welt passiert, wird schlussendlich auch Auswirkungen auf den Rest der Welt haben.

Barbara: Sie waren Berater von Bill Clinton. Was können bedeutende Politiker von der Weisheit Ihres Großvaters lernen?Arun Gandhi: Einen wirklichen, ehrlichen Versuch machen, zu verstehen, was Frieden und Gewaltlosigkeit wirklich bedeutet. Die meisten Politiker sind der Gewalt zu sehr verpflichtet, besonders der industriellen Form von Gewalt. Sie wollen nicht, dass sich irgendetwas ändert, sind glücklich damit viel Geld zu verdienen. Die Menschen selbst müssen sich erheben und sagen: „Wir wollen das nicht mehr.“

Barbara: Ja, es ist nur möglich, weil wir alle mitmachen. Es ist nicht die Schuld der Politiker, wir sind alle daran beteiligt. Wenn wir nicht mitspielen würden und mutig wie ihr Großvater wären, wäre die Situation eine andere. Ihr Großvater war kein Politiker, aber er veränderte die Welt.
Arun Gandhi: Korrekt. Solange wir uns der Unterdrückung unterwerfen, werden wir unterdrückt werden. Aber in dem Moment, in dem wir aufstehen und „nein“ sagen befreien wir uns selbst. Es ist Zeit, dass die Bürger aller Staaten aufstehen und sagen: „Wir wollen keine Kriege mehr. Wir werden in keinem Krieg mehr kämpfen.“ Nur dann werden diese Politiker verstehen und sich ändern, nur mit ihnen zu reden wird nicht helfen.

Barbara: Es ist einfach, sich über das falsche Verhalten der Politiker zu beschweren. Es ist hilfreicher unser eigenes Verhalten zu reflektieren, unseren kleinen Streit mit den Nachbarn, den Kollegen, unseren Partnern zu befrieden. Wie behandeln wir einander? Haben wir einen friedvollen Geist? Das sind doch die Saaten, die wir pflanzen, die Saaten, bei denen der Weltfrieden beginnt.
Arun Gandhi: Genau. Wir müssen zuerst uns selbst betrachten, uns ändern, unsere Einstellung ändern, unsere Beziehungen und dann können wir die Regierung bitten, sich ebenfalls zu ändern.

Barbara: Sie sagten einmal, Mahatma Gandhi wäre ohne Ihre Großmutter Kasturba Gandhi nicht dieselbe Person gewesen. Sie haben außerdem das Buch „Kasturba Gandhi - Die vergessene Frau“ über Ihre Großmutter geschrieben.
Arun Gandhi: Meine Großmutter war eine sehr starke Frau. Ich schrieb ihre Biografie, weil jeder über meinen Großvater geschrieben hatte, aber niemand ihr Leben veröffentlicht hatte. So gab ich dem Buch den Titel „Die vergessene Frau, da meine Großmutter von der Geschichte vergessen wurde. Obwohl sie nie zur Schule gegangen war und keinerlei Bildung erfuhr – sie konnte weder lesen noch schreiben – besaß sie Weisheit. Sie hatte die Weisheit, vom Leben zu lernen. Sie war sehr stark und nicht, wie viele Menschen behaupten, eine Ehefrau, die ihrem Mann nur gehorsam folgte. Was auch immer Großvater tat, sie wollte, dass er ihr erst erklärte, warum das notwendig war. Wenn er es schaffte, sie zu überzeugen, tat sie alles, um ihn zu unterstützen. Sie hatte einen starken Willen, war aber auch sehr kooperativ. Sobald sie den Sinn seines Handelns verstand, setze sie sich dafür rückhaltlos ein.

Barbara: Sie konnte also weder schreiben noch lesen, war aber sehr intelligent und weise. Vergessen wir in unserer Gesellschaft manchmal, dass Weisheit wichtiger ist, als die Schulung intellektuellen Wissens?
Arun Gandhi: Heutzutage sind wir sehr arrogant. Wir glauben: „Ich habe einen Doktortitel. Ich muss nichts mehr lernen. Niemand kann mir mehr etwas über das Leben beibringen.“ Wir können von den kleinen Dingen lernen, selbst wenn wir einen Harvard-Abschluss haben. Sogar Kinder können uns etwas sehr Wichtiges lehren, wenn wir dafür offen sind. Bescheiden zu sein und von Lebenserfahrungen zu lernen, ist sehr wichtig, um Weisheit zu erlangen. Lernen ist eine lebenslange Erfahrung und geht weit über das hinaus, was wir in Schulen und Universitäten gelehrt bekommen. Das ist nicht mehr als Schulbuchwissen, das uns ermöglicht, Karriere zu machen und Geld zu verdienen. Doch was wir vom Leben lernen können, ist viel wertvoller. Es lehrt uns zum Beispiel, wie wir uns weise in Beziehungen verhalten. Vom Leben zu lernen, gelingt uns nur, wenn wir die Bescheidenheit dazu mitbringen und offen für die Lektionen sind.

Barbara: Wir würden Sie die Beziehung Ihrer Großeltern beschreiben?
Arun Gandhi: Meine Großmutter war sehr wichtig für meinen Großvater. Es gibt da eine Geschichte: Als Sechzehnjähriger, bereits verheiratet, wusste Großvater nicht, wer der Chef in ihrer Beziehung sein würde. Er ging zur Bibliothek, um Bücher über die Ehe zu lesen. All diese Bücher wurden von männlichen Chauvinisten geschrieben, die meinten, dass der Mann die Regeln vorgeben und die Frau ihm folgen muss. So kam er eines Abends heim und sagte meiner Großmutter: „Ab morgen, wirst du dich ohne meine Erlaubnis nicht aus dem Haus bewegen. Das ist ab jetzt die Regel und du wirst sie befolgen. Ich will keine Diskussion.“ Großmutter sagte überhaupt nichts. Sie ging nur schweigend zu Bett, stand den nächsten Morgen auf, verließ das Haus und tat alles, was sie immer tat, ohne seine Erlaubnis einzuholen. Nach ein paar Tagen realisierte er, dass sie ihm nicht gehorchte. Er konfrontierte sie und sagte: „Wie kannst du es wagen mir nicht zu gehorchen? Habe ich dir nicht gesagt, dass du das Haus nicht ohne meine Erlaubnis verlassen darfst?“ Ruhig, ohne wütend zu werden und ihre Stimme zu erheben, sagte sie: „Ich wuchs in dem Glauben auf, dass wir immer den älteren Respektspersonen im Haus gehorchen müssen. Ich denke die Respektspersonen in diesem Haus sind deine Eltern. Nun, wenn du mir damit sagen willst, ich solle deiner Mutter nicht gehorchen, sondern stattdessen dir, lass es mich wissen, damit ich deiner Mutter sagen kann: „Ich werde dir nicht mehr gehorchen.“ Mein Großvater konnte dem nichts entgegensetzen. Das ganze Thema war erledigt, ohne dass irgendjemand von den beiden wütend wurde. Mein Großvater sagte, dass er die wichtigste Lektion in Gewaltlosigkeit, im Alter von sechzehn Jahren von meiner Großmutter lernte. Dies veränderte sein Verständnis vom Leben für immer. Sein ganzes Leben unterstützte ihn meine Großmutter und arbeite mit ihm. Sie hatten eine gute Partnerschaft.

Barbara: Im Hinblick auf die Regeln, der die Frau im damaligen Indien unterworfen war, scheint das Verhalten Ihrer Großmutter sehr ungewöhnlich und weise gewesen zu sein. Was können Frauen heutzutage von ihr lernen?
Arun Gandhi: Frauen müssen lernen, dass ihnen die Gleichberichtigung mit Männern nicht weiterhilft. Frauen haben das Vermögen Mütter zu sein. Sie bringen oftmals das Mitgefühl und die Liebe mit, die vielen Männern fehlt. Gleichberechtigung anzustreben, bedeutet nicht, dass Frauen sich auf das männliche Niveau herablassen sollten, vielmehr es auf ein höheres Niveau anheben sollten. Frauen sollten nicht versuchen, die schlechten Dinge der Männer nachzuahmen. 

Barbara: Kasturba, ihre Großmutter, kämpfte also nicht gegen Ihren Großvater, blieb gelassen und tat was sie für richtig hielt. Mit ihrer sehr simplen Reaktion lehrte sie den großen Mahatma Gandhi. Beeindruckend, wieviel kleine Dinge bewegen können.
Arun Gandhi: Kleine Dinge können sehr viel bewegen. Jede kleine Handlung macht einen Unterschied. Wie wir unsere Kinder erziehen, welche Art von Beziehungen wir zu Hause führen. Unglücklicherweise gehen heutzutage aufgrund unseres modernen Lebensstils viele Beziehungen auseinander. In Amerika ist die Scheidungsrate auf über 60% gestiegen. Wenn 60% aller Familien auseinanderbrechen, dann stellen Sie sich vor, was die Kinder durchmachen, die in solchen Familien aufwachsen. Ich sage immer: „Wenn man heiratet, muss man sich bewusst sein, dass man gegenseitige Zugeständnisse machen muss.“ Man muss miteinander an der Beziehung arbeiten und auch den Kindern all die Aufmerksamkeit schenken, die sie benötigen. Das kann durchaus bedeuten, dass einer der Partner zu Hause bleibt, bis die Kinder zur Schule gehen. Diese Art von Fundament, ist für Kinder sehr wichtig. Psychologen haben herausgefunden, dass das, was ein Kind in den ersten fünf Jahren seines Lebens lernt, die Basis für sein Erwachsenenleben bildet. Wenn Kinder also kein gutes Fundament mitbekommen, werden sie sich als Erwachsene auch dementsprechend verhalten.

Barbara: Die Botschaft der Gewaltlosigkeit ihres Großvaters, jedem mit Respekt, Frieden und Liebe zu begegnen, ist nicht nur für ganze Völker, sondern auch für unsere Beziehungen sehr hilfreich.
Arun Gandhi: Ja, genau, das meinte er: Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir uns selbst zu allererst verändern. Wenn wir zu Hause beginnen, werden sich unsere Kinder und unsere Freunde verändern. Leider haben wir uns angewohnt auf Veränderungen von oben zu warten. Wir erwarten, dass die Regierung alles ändert. Diese Veränderungen, die wir von der Politik erwarten, müssen von jedem Einzelnen von uns kommen.

Barbara: Was können Menschen, die mehr Frieden, Liebe und Mitgefühl in die Welt bringen wollen, tun?
Arun Gandhi: Der erste Schritt ist eine Entscheidung zu treffen: Die Entscheidung, dass ich heute eine bessere Person sein möchte, als gestern. Wenn wir diese Bemühung jeden Morgen beim Aufstehen anstellen, werden wir ein besserer Mensch werden. Dafür müssen wir eine Liste erstellen mit all den Dingen, die wir als unsere Schwächen erachten und uns jeden Tag darum bemühen, diese Schwächen in Stärken zu verwandeln. Auf diese Weise beginnen wir selbst einen Wandel zu vollziehen. Wir verbessern uns und unsere Beziehungen. Der erste Schritt ist, uns selbst zu sagen: „Ich werde ein besserer Mensch sein.“

Barbara: Ihr Großvater sagte: „Die pure Liebe einer Person kann den Hass von Millionen aufheben.“ Wie können wir zu dieser Person werden?
Arun Gandhi: Ich glaube Liebe ist sehr mächtig. Wenn wir wahre Liebe zeigen und teilen – nicht die Art Liebe, die wir heutzutage erleben, sondern wahre Liebe – kann das einen Riesenunterschied im Leben vieler Menschen machen. Es gibt die Geschichte eines Mannes, die ich in meinem neuen Buch erwähnt habe. Dieser Mann putze sein Haus nicht, er machte seinen Abwasch nicht. Er lebte allein und sagte: „Keiner sieht das, warum sollte ich mich darum scheren?“ Sein Haus war vollkommen unordentlich, ungewaschenes Geschirr türmte sich, überall Staub. Bis er in der Arbeit eine junge Frau traf. Sie wurden sehr gute Freunde. Eines Tages schenkte ihm die Frau eine Rose. Er brachte die Rose heim und wollte sie in eine Vase stellen. Allerdings konnte er keine Vase finden, da sich alle in dem Haufen dreckigen Geschirrs befanden. So wühlte er sich durch das Geschirr, fand die Vase, säuberte sie, füllte sie mit frischem Wasser und stellte die Rose hinein. Dann wollte er der Rose einen guten Platz geben, denn sie war mit Liebe gegeben worden. Er räumte den Essenstisch auf, um die Rose darauf zu stellen. Als er den Tisch aufgeräumt hatte, merkte er, dass alles andere um ihn herum unordentlich und schmutzig war. Er begann alles andere zu säubern und schlussendlich hatte er das ganze Haus für eine einzige Rose geputzt!
Barbara: Was für ein wundervolles Beispiel.

Barbara: Ihr Großvater war Hindu und zog seine Kraft aus seiner tiefen Spiritualität. Was waren seine wichtigsten Werte?
Arun Gandhi: Er war eine äußerst spirituelle und offene Person. Seine Spiritualität war nicht mit irgendeiner Religion verbunden. Er glaubte, dass alle Religionen gleich sind und Wahrheit beinhalten und wir, wenn wir alle Religionen respektieren, voneinander lernen und wachsen können. Er las die Schriften aller Religionen und was er als gut erachtete, integrierte er in sein Leben. Seine allmorgendlichen und allabendlichen Gebete wurden draußen, im Freien gesprochen. Er lud jeden der kommen wollte, zu diesen Gebetsstunden um fünf Uhr morgens und fünf Uhr abends ein. Tausende Menschen kamen. Christen, Muslime, Buddhisten und Hindus. Sie beteten und saßen beisammen. Mein Großvater betete in all den verschiedenen Religionen. Sie sangen christliche, muslimische und hinduistische Hymnen. Ein jeder von ihnen respektierte den anderen. Mein Großvater erzeugte diese Art ökumenischen und interreligiösen Respekt. Das zu erleben, war eine wunderbare Erfahrung.

Barbara: Nach meinem Gefühl findet man in allen Religionen auf einer tieferen Ebene die gleiche Botschaft: Die Botschaft von Liebe, Frieden und Mitgefühl. Dies waren ja auch die Botschaften Ihres Großvaters.
Arun Gandhi: Genau, alle Religionen haben dieselbe Grundlage – Liebe, Mitgefühl, Respekt und Verständnis.

Barbara: Was denken Sie sind die Schlüssel zur Weisheit?
Arun Gandhi: Der Schlüssel zur Weisheit ist, Liebe, Respekt, Verständnis und Mitgefühl zu leben. All die positiven Dinge, die wir in unseren Leben haben. Wir unterdrücken sie, weil wir lieber unsere Aggressivität zeigen und mächtig sein wollen. Wir unterdrücken die guten Dinge und gestatten den negativen Dingen, unser Leben zu dominieren. Wenn wir einen Versuch wagen, nur das Gute in uns zum Vorschein kommen zu lassen – anstatt all der schlechten Aspekte – würden wir sehr viel bewegen.

Barbara: Ist es ein Geschenk für Sie, der Enkel Mahatma Gandhis zu sein oder ist es schwer in seinen Fußstapfen zu wandeln?
Arun Gandhi: Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich die Chance hatte mit ihm zu leben, bin glücklich darüber sein Enkel zu sein. Es ist eine große Ehre für mich, was ich von ihm gelernt habe, mit der Welt zu teilen.

Barbara: Danke, dass Sie Frieden und die Botschaften Ihres Großvaters in diese Welt bringen.
Arun Gandhi: Ich hoffe, dass die Saat des Friedens sich auf der ganzen Welt ausbreitet. Ich hoffe wir können in unserer Lebenszeit Frieden schaffen.

Barbara: Vielen, vielen Dank!